Der Himmel war wirklich wunderschön. Die Sterne strahlten um die Wette und der Mond war eine schöne, runde Kugel, der den ganzen
Wald erhellte, wie eine Straßenlaterne. Was da oben gerade geschah? Ich fragte mich, ob wir die einzigen Lebewesen in diesem Universum waren.
Ich war mir sicher, dass es nicht so war. Eine Million Sonnensysteme, da war die Wahrscheinlichkeit, ob da draußen etwas anderes existierte,
ziemlich hoch. Ich stellte mir vor, wie diese aussehen mögen. So, wie die Außerirdischen von Roswell beschrieben wurden? Oder hatten sie gar keine AUgen?
Ich musste an ein Buch denken, das ich vor Wochen gelesen hatte. Es hieß Das Große Spiel und war von Orson Scott.
Vielleicht gab es sie wirklich, diese Krabbler. Man konnte nie wissen.
Plötzlich schrak ich auf. Mir wurde bewusst, dass ich eigentlich über etwas völlig nebensächliches nachdachte. Eigentlich tat ich das gerne -
Dinge hinterfragen, philosophieren. Doch in der jetzigen Situation erschien es mir bloß absurd und falsch.
Ich war abgehauen, um alles zu vergessen, was war. Doch zuvor musste ich noch diese Jugenherberge finden. Umbedingt wollte ein Gedenken an Clarie dort
hinbringen. Es war mir sehr wichtig. Meine kleine Schwester, der das Leben leider nicht gewährt wurde, aus Gründen, die mir selber sehr bekannt waren, die ich aber
nicht Wahrhaben wollte. Er hatte sie umgebracht, meine kleine, süße Schwester, die ich bisher lediglich von Ultraschallbilder kannte. Und auch daran kann ich mich noch wenig erinnern.
Außer, dass meine Mutter oft zu mir sagte, ich solle mein Ohr an ihren Bauch legen, dann konnte ich sie leise reden hören. Natürlich konnte ich das nicht, doch ich
war ein kleines Kind, und meine Fantasie größer als mein Verstand.
Meine Erinnerungen verschwanden, als mich eine Stimme aus den Gedanken riss. Sie kam mir bekannt vor. Tief und sympathisch. Schön.
“Die Sterne sind wunderschön. Wenn ich alleine bin, liege ich oft am dach meiner Hütte und beobachte den Himmel.”
Erschrocken fuhr ich herum. Ein von schwarzen Locken umrahmtes Gesicht starrte in den Himmel. Als er bemerkte, dass ich ihn bemerkt hatte, und ihn ansah, senkte er seinen Kopf
und blickte mir in die Augen. Sie strahlten eine solche Wärme aus, dass ich am liebsten geweint hätte. Lange hatte ich keine solche Wärme mehr gespührt, oder vermittelt bekommen.
Plötzlich war ich glücklich. Ich hatte das Gefühl, dass diese Minuten für die Ewigkeit bestimmt waren. Für immer da stehen, uns nur mit den Blicken zu verständigen.
Zeit verging, in der wir dastanden. Erst später bemerkte ich das Lächeln, das auf seinem Gesicht erschienen war. Auch ich musste lächeln.
Doch ich sprach nicht. Die Stille war zu schön, um von meiner Stimme durchbrochen zu werden, und als könnte er meine Gedanken lesen, schwieg auch er.
Wir standen da, und blickten in den Himmel, beobachteten die Sterne, ohne auf irgendetwas bestimmtes zu warten. Auf einmal blitze etwas in der Dunkelheit auf. Es
sah aus, wie ein Stern, der blitzschnell über den Sternenhimmel raste.
“Eine Sternschnuppe. Wünsch dir was.” Ich blickte ihn an, doch ich verstand nicht, was er meinte und schaute ihn fragend an.
“Sternschnuppen. Hast du etwar noch nie davon gehört?” Ich schüttelte den Kopf.
“Sie sind selten, dass man sie sieht, ist Glück. Jedenfalls darf man sich, wenn man sie sieht, etwas wünschen.”
Plötzlich fand ich meine Stimme wieder. Sie war wohl igrendwo in meinem Inneren vergraben, doch jetzt war der richtige Moment gekommen, um zu sprechen.
“Und das funktioniert?”
Vielleicht waren es keine guten ersten Worte, aber es waren wenigstens welche. Schließlich hatte ich im schon bewiesen, dass ich nicht stumm war, was man nach den letzten Minuten
leicht glauben könnte. Die Sache mit den Sternschnuppen hatte ich bisher noch nie gehört. Aber es hörte sich schön an. Ein schöner Brauch.
Ich schloss die Augen, und wünschte mir, dass alles gut werden würde.
“Wenn du daran glaubst, schon. Du darfst deinen Wunsch nur nicht laut aussprechen.”
Ja, ich glaube daran. Ich fand es schön, wieder an etwas zu glauben. Vielleicht war es aber auch nicht die Erfüllungskraft der Sternschnuppen, sondern lediglich mein Glaube daran,
dass alles wieder gut werden würde. Es war ein schöner Gedanke, und ich erfreute mich daran.
Minuten vergingen, Stunden, in denen wir nur dastanden, und in den Himmel schauten, eine weitere Sternschnuppe erwarteten. Irgendwann ergriff er wieder das Wort, so
als hätte er meine Gedanken gelesen:”Es ist schön, an etwas glauben zu können, wenn man in seinem Leben nichts mehr hatte.”
Ich stimmte ihn zu, und nickte.
“Es wird kalt, komm, lass uns reingehen.”
Ich nickte abermals, und folgte ihm.
Wir gingen nebeneinander her, und ich ließ meinen Blick unauffällig an ihm herabgleiten: er war muskulös gebaut und groß. Seine Gesichtszüge markant aber schön.
Man sah ihm an, dass er schon viel durchgemacht hatte. Was wohl?
Das Laub unter meinen Füßen raschelte. Ich kickte es vor mich hin, während mir in die Hütte gingen. Drinnen war es warm. Am Tisch brannte eine Kerze. Sie erhellte den ganzen Raum,
und hüllte ihn in einflackerndes Licht. “Schön hast du’s hier.”, sagte ich. Er schloss die Türe hinter mir, setze sich auf die Couch und nickte. “Hab ich aber nicht eingerichtet.”
Ich hielt es nicht für taktvoll, näher nachzufragen. Meine eigenen Probleme waren zu groß, als dass ich mir über seine Gedanken machen wollte.
Er sah mich erwartungsvoll an. Ich kam mir plötzlich so nackt vor, mitten im Raum zu stehen, und angestarrt zu werden. Kurzerhand beschloss ich, mich neben ihn zu setzen.
Es war das erste Mal, dass ich ihn so nahe sah. “Wie heißt du eigentlich?” Seine Stimme riss mich erneut aus meinen Gedanken.
“Dora.”
“Ich bin Neo.” Während wir sprachen, sahen wir uns nicht an.
“Ist das dein echter Name? Neo?”
“Ist Dora dein echter Name?”
Jetzt sah er mich an. In seinen Augen leuchtet etwas auf, dass ich nicht identifizieren konnte. Aber er wollte offensichtlich nciht darüber reden.
Ich hatte noch nie von einem Jungen gehört, der sich Neo nannte. Es gab bestimmt einen Grund dafür, warum er nicht seinen echten Namen verwendete. Meine Neugier war geweckt.
Plötzlich wollte ich alles über diesen Jungen wissen. Alles.
Innerlich baute sich ein Berg von Fragen in mir auf: Wer war er, wo kam er her, und wieso war er genau wie ich hierher gekommen?
Fragen, auf die ich bald eine Antwort bekommen würde.
Bald.
Hoffentlich.